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Tolgahan Kilit aus Bad Gandersheim ist Head of International Relations und Scouting beim türkischen Erstligisten Hatayspor.
Vom Hamburg aus war Kilit dann Spielerberater in der Agentur. »Ich habe durch meine Stationen im Fußball immer ein großes Netzwerk gehabt, welches ich immer zu pflegen wusste. Ich denke, dass es in allen Branchen wichtig ist, breit aufgestellt zu sein«, berichtet er über sein großes Netzwerk.
Bei dem Transfer von Christian Atsu (†), der in der Premier League unter anderem für den FC Chelsea und Newcastle United unter Vertrag stand, kam dann der Kontakt zum türkischen Erstligisten zustande. »Mein Partner und ich haben Christian Atsu als Agenten nach Hatay vermittelt. Aus den vielen Gesprächen mit dem Vereinspräsidenten haben der Präsident und ich viele Schnittstellen und Parallelen festgestellt, wie wir Dinge bewerten und angehen würden. Da hat ihm meine deutsche Arbeitseinstellung so sehr gefallen, dass die Stelle geschaffen wurde«, so Kilit über seine Anfänge bei Hatayspor im September 2022. »Im Verein zu arbeiten, macht auch mehr Spaß, als als Spielerberater beschäftigt zu sein«, so Kilit weiter.

Als Head of International Relations und Scouting ist der 35-jährige auf deutsch übersetzt für die internationalen Beziehungen des Vereins als auch für das Scouting zuständig.
Meine Kernaufgabe liegt darin, mit einem relativ kleinen Budget, einen schlagfertigen Kader zu formen, welcher am Ende der Saison idealerweise die Klasse hält.
Aber wie sieht eine typische Arbeitswoche bei Kilit eigentlich aus? »Die Kalenderwoche ist entscheidend. Oftmals überschneiden sich die Spiele, so dass man klar strukturiert an die Sache herangehen muss. Was hat jetzt wirklich Priorität, was kann warten, wo drückt der Schuh mehr und wo drückt er weniger. Wir suchen gezielt Spieler aus und versuchen, sowohl sofortige Qualität in den Kader zu beschaffen als auch Projekte zu integrieren, von denen wir überzeugt sind, dass sie es bei uns schaffen können. Das alles wird zu Anfang der Woche thematisiert und dann wird gemeinsam entschieden, wer wohin reist«, erklärt er sein Aufgabenfeld. »Wenn uns ein Spieler überzeugt, dann beschaffen wir uns so viele Informationen wie möglich über z.B. seine Werte, Daten, Charakter, Vergangenheit und viele andere Aspekte. Danach schaut sich jeder nochmal einzeln den Spieler im Video- und Datenscouting an. Wenn alles passt, gehen wir dem ganzen intensiver nach und suchen das Gespräch mit dem Agenten oder jeweiligen Ansprechpartner des Spielers, um einen möglichen Transfer auszuloten«, beschreibt Kilit das Vorgehen bei Transfers, die realisiert werden sollen.
Bei jedem Transfer braucht man aber auch ein wenig Glück, dass dieser sich voll entfalten und seine Stärken ausspielen kann. »Da spielen so viele Faktoren eine Rolle. Selbst wenn die sportliche Ausrichtung klar ist und man ein gewisses Profil in diesem Wege für das jeweilige System sucht und findet, schließt es einen Fehlgriff nicht aus. Auf dem Niveau sind alle Spieler relativ gut ausgebildet und können mehrere Systeme spielen. Am Ende ist es immer von Vorteil, wenn der Spieler die Sprache spricht und sich im Team wohlfühlt und gut integriert ist. Wer sich nämlich nicht wohlfühlt, wird nie alles geben können und somit scheitern. Letzten Endes entscheidet dazu das Trainerteam, wer wo in welcher Ausrichtung und Formation spielt. Als Spieler muss man flexibel und geduldig sein, eine positive Grundeinstellung mitbringen. Je mehr Informationen wir sammeln, desto mehr können wir das Risiko kalkulieren und einschätzen – aber gar ausschließen kann man es leider nicht weil viele Faktoren in den Händen der Trainer und des Spielers liegen«, beantwortet der Chefscout die Frage, wie schnell mal ein Transfer ein »Griff ins Klo« werden kann.
Für den türkischen Erstligisten sind alle Märkte sehr interessant. »Wir sind sehr präsent in Europa. Klar, müssen wir aber auch als kleiner Verein anders auf den türkischen Markt schauen und eher an den türkischen Spielern dran sein«, so Kilit. Ende Januar 2023 verpflichtete Kilit den ehemaligen deutschen U-Nationalspieler Jeremy Dudziak, der beim Hamburger SV, FC St. Pauli und Greuther Fürth zahlreiche Zweitligaspiele absolviert hat. Am 6. Februar mussten Dudziak, Kilit und alle weiteren Einwohner bei dem Erdbeben um ihr Leben bangen.

»Der 6. Februar 2023 veränderte von heute auf morgen unser aller Leben. Ich war in Hatay zugegen, da das Wintertransferfenster geöffnet war und wir akribisch am Kader arbeiteten. Tags zuvor gewannen wir sprichwörtlich in letzter Sekunde 1:0 gegen Kasimpasa und waren in Feierlaune. Wenige Stunden später steht deine Welt Kopf. Alles war surreal. Mitten in der Nacht, ohne Vorwarnung. Kein Licht, kein Strom, kein Netz, keine Klamotten. Das Wetter war apokalyptisch – Minusgrade und am Regnen als gäbe es kein Morgen. Wir verloren leider viele wertvolle Mitmenschen, die wir stets in bester Erinnerung behalten werden. Taner Savut (unser Sportdirektor und mein Chef) als auch Christian Atsu (unser Spieler), welchen ich selbst transferiert habe, sind leider bei dem verheerendem Erdbeben die prominentesten Opfer«, blickt Kilit traurig auf den Februar zurück.
Ich hatte wahnsinnig viel Glück und konnte mich in letzter Sekunde aus meinem einstürzenden Hotelzimmer mit einem Sprung aus dem Balkon retten.
Tolgahan Kilit
Die Erdeben-Clubs Hatayspor und auch das ebenfalls betroffen Gazientepspor haben sich daraufhin aus dem Ligabetrieb zurückgezogen. Der türkische Fußballverband hat dem Antrag stattgegeben, dass beide Teams in der Saison 2023/2024 dennoch wieder in der Süper Lig starten dürfen. An Fußball war zu dieser Zeit nicht zu denken. Gemeinsam mit anderen Leuten engagierte sich Tolgahan Kilit in der Katastrophenhilfe. »Ich stand für einen langen Zeitraum total neben der Spur. Jedoch war mir unmittelbar nach dem Erdbeben klar, da ich das Ausmaß der Verwüstung mit eigenen Augen gesehen habe, dass ich etwas tun muss. Es gab keinen in meinem Umfeld, der nicht mit anpacken wollte. Schnell wurden wir zu einer Art Bewegung und konnten nicht nur einen LKW mit Hilfsgütern nach Hatay schicken, sondern auch in zwei andere Städte, die ebenfalls betroffen waren. Uns war es wichtig, die LKWs, die wir mit eigenen Händen beladen haben, mit eigenen Händen vor Ort entgegengenommen zu haben, um transparent und nachweislich zu demonstrieren, dass die Hilfe auch wirklich da ankommt, wo sie gebraucht wird. Ein Riesendank an alle Mithelfer, die unermüdlich geholfen haben, egal an welcher Stelle, um diese LKWs mit Hilfsgütern zu befüllen. Die Stadt Hatay gleicht einem Kriegsgebiet und es wird Jahre dauern, bis sich die Stadt davon erholen wird. Viele sind in andere Städte umgesiedelt worden, da ein normales Leben in Hatay aktuell nicht gegeben ist«, zeigte Kilit die Zustände nach dem Erdbeben auf.
Wir sind froh, dass es für uns wieder mit Fußball weitergeht, da dadurch wieder ein stückweit Normalität einkehrt.
Mit dem Freundschaftsspiel gegen Hull City feierte der Club sein Comeback auf der Fußballbühne: »Natürlich spielen wir für unsere Mitmenschen aus der Region, die Familie, die Hab und Gut verloren haben als auch für alle anderen, die es mit uns gut meinen. Das Erdbeben hat uns zusammengeschweißt und mit diesen Fans im Rücken wollen wir einen ansehnlichen, attraktiven und modernen Fußball spielen. Die Zielsetzung bleibt aber: Klassenerhalt. Wir trainieren und spielen in Mersin und gehen damit in eine spannende Saison, die alles andere als normal sein wird für uns«, freut sich der 35-jährige auf die neue Spielzeit.
